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Donnerstag, 14.12.2017: CHRIS W. WILPERT: Buffy als Massenbetrug? Kulturindustrie und Kulturkritikindustrie

2017 ist ein Jahr denkwürdiger Jubiläen: 20 Jahre sind seit Ausstrahlung der ersten Staffel von Buffy – The Vampire Slayer vergangen. Vor 70 Jahren ist die Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer erstmals erschienen. Das darin enthaltene Kulturindustrie-Kapitel mit dem Untertitel »Aufklärung als Massenbetrug« gilt es kritisch zu würdigen. Über Buffy gibt es dabei nicht viel zu sagen. Sie ist unzweifelhaft die beste Serie. Aufgrund ihres gesellschaftskritischen Gehalts gab sie Anstoß zu der akademischen und popkritischen Rezeption, die als so genannte Buffy Studies firmiert. Inzwischen werden zu jeder Serie Massen an vermeintlicher Kulturkritik produziert. Diese ist meist ebenso langweilig, wie sie krampfhaft überall fundamentale Gesellschaftskritik zu erkennen meint. Die Kulturindustrie hat dabei unweigerlich eine eigene Kulturkritikindustrie mit hervorgebracht. Diese verwässert jedoch den Begriff einer emanzipatorischen Kulturkritik. Der Vortrag will nicht nerdig bloß Buffy-Fantum zur Schau stellen. Stattdessen soll er in die Geschichte und den Begriff der Kulturindustrie einführen und zugleich die Möglichkeiten und Grenzen einer emanzipatorischen Kulturkritik als radikale Gesellschaftskritik ausloten. Ein Kampf, der so aussichtslos scheint wie der von Buffy.

Chris W. Wilpert schreibt u. a. über Thomas Harlan, Battlestar Galactica und Hipster_innen und ist Teil der Freien Uni Bamberg.

Donnerstag, 07.12.2017: MARKUS BAUMGART: Das japanische Feedback. Japanische Popkultur im Kontext der Amerikanisierung nach dem Zweiten Weltkrieg

 

Als eine der so genannten Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg wurde die japanische Popkultur nach 1945 – ähnlich der deutschen – durch die amerikanische Besatzungszeit geprägt. Zwar gab es schon vorher Anleihen, aber erst mit den GIs kam in den Jahren der Okkupation westliche Popmusik nach Japan, die vor allem die Jugendlichen ansprach. Von den 1950ern bis in die 1970er entspannen sich dort exemplarische Diskurse zur Populärkultur: die Übernahme des internationalen Pop versus die Reaktivierung traditioneller Genres; die entgrenzte versus die nationale Identität; englische versus japanische Songtexte. Der Vortrag möchte die japanische Poprezeption chronologisch anhand von Ton- und Bildbeispielen bis in die späten 1970er nachvollziehen, als das Yellow Magic Orchestra dann erstmals den Versuch unternahm, eine zeitgemäße kosmopolitische Musik zu erschaffen.

Markus Baumgart hat in Tübingen Empirische Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert. Neben seinem Brotjob in einem Verlag ist er als Schallplattenunterhalter, Veranstalter und mit Vorträgen zu exotischen Popkultur-Themen unterwegs.

Donnerstag, 30.11.2017: OLIVER LAUENSTEIN (No) Future?! – Utopie, Dystopie, Apokalypse: Zukunftsfiktionen im Spiegel der Krise

In der Renaissance wurde noch an Utopia und Sonnenstaat geglaubt. Serien und Filme der 1960er und 1970er erzählten von fliegenden Autos und technologischer Vollkommenheit. Heute findet sich hingegen kaum noch eine ernstzunehmende Utopie. Ihr Negativbild – die autoritär-technokratische Zukunftsgesellschaft – scheint oftmals bereits umgesetzt. Unser medial durchdrungener, überwachter Alltag, die Selbstkontrolle als Humanressource, esoterische Erklärungsmuster und die individuelle, psychopharmakologische Feinjustierung zeigen, dass 1984, Fahrenheit 451 und die Brave New World keine düsteren Fantasien, sondern gelungene Prognosen darstellen. Der Vortrag will der Frage nachgehen, inwieweit sich aktuelle Phänomene wie die Lust an der Apokalypse und das Revival des Zombiefilms als Ausdruck des gegenwärtigen Gesellschaftszustands deuten lassen.

Oliver Lauenstein ist Sozialpsychologe und Hobbytheoretiker; ehemals im Universitätsbetrieb tätig arbeitet er mittlerweile als Vollzeitbürokrat.

Donnerstag, 23.11.2017: KIRSTEN ACHTELIK: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

Sollen Feministinnen jede Art von Abtreibung verteidigen? Können diesbezügliche Entscheidungen überhaupt selbstbestimmt getroffen werden? Welches Wissen entsteht durch pränatale Untersuchungen? Dienen sie der Vorsorge oder sind sie behindertenfeindlich? Der Vortrag lotet das Spannungsfeld zwischen den emanzipatorischen und systemerhaltenden Potenzialen des feministischen Konzepts der Selbstbestimmung in Bezug auf Abtreibung aus und nimmt Bezug auf aktuelle Debatten um reproduktive Rechte, die mit den zunehmenden Aktivitäten von »Lebensschützern« wieder aufflammen. Zugleich geht es darum, die Gemeinsamkeiten und Konflikte der Frauen- und der Behindertenbewegung sowie die inhaltlichen Differenzen zwischen Frauen mit und ohne Behinderung deutlich zu machen. Und um die dringend zu klärende Frage, wie ein nicht-selektives und nicht-individualisiertes Konzept von Selbstbestimmung gedacht und umgesetzt werden kann.

Kirsten Achtelik ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie ist politisch an den Schnittstellen der feministischen, der antikapitalistischen und der Behindertenbewegung aktiv.

Donnerstag, 16.11.2017: MIRA LANDWEHR: Veganismus in der Krise? Querfrontaktivisten und Rechte für Tiere

Der Veganismus hat ein Problem: seine Popularität und seine neurechten Anhänger_innen. Der Verschwörungsideologe Ken Jebsen verkündet stolz, »Vollveganer« zu sein, und der Rechtsesoteriker Rüdiger Dahlke wirft jedes Jahr ein veganes »Peace Food«-Kochbuch auf den Markt. In einer Lebenswelt, die als unübersichtlich und chaotisch wahrgenommen wird und in der der Einzelne nichts mehr zu zählen scheint, verspricht das Label »alternativ« einen sicheren Rückzugsort und die Rückgewinnung von Selbstbestimmtheit. Alternative Lebensweisen und Weltanschauungen grenzen sich daher vor allem ab: Veganer_innen von Fleischesser_innen und von Vegetarier_innen, die Alternativmedizin von der kriminellen Pharmaindustrie und die Reichsbürger_innen vom Staat. Das wirft die Frage nach dem richtigen Veganismus im Falschen auf: Wie müsste er beschaffen sein, um immun gegen menschenfeindliches Gedankengut und eine Hauptsache-für-die-Tiere-Ideologie zu sein?

Mira Landwehr ist Historikerin und lebt inkonsequent vegan in Hamburg.

 

Donnerstag, 09.11.2017: STEPHANIE SCHMIDT: Ausnahmezustand und Gewalt. Polizei und polizeiliches Handeln beim G20

Im Juli 2017 hat Hamburg beim G20-Gipfel einen der größten Polizeieinsätze seiner Geschichte erlebt. In der Aufarbeitung rückte auch die Rolle der Polizei ins mediale und gesellschaftliche Interesse. Die Situationen, in denen es zu Gewaltanwendungen durch die Polizei kam, wurden dabei als »Ausnahmesituationen« markiert. Die Regelmäßigkeit, mit der Grundrechtsverstöße von Polizist_innen begangen werden, spricht jedoch dafür, dass der Ausnahmezustand im polizeilichen Handeln bereits angelegt ist. Der Vortrag wird diskutieren, was dies im konkreten Polizeialltag bedeutet und welche Rolle die Gewalt speziell beim G20-Gipfel eingenommen hat.

Stephanie Schmidt ist Kulturanthropologin und freie Referentin. Sie ist Doktorandin an der FSU Jena und beschäftigt sich mit polizeilichen Lebenswelten und der Rolle von Aggressionsaffekten in der Polizei.

Donnerstag, 26.10.2017: CAROLINE A. SOSAT: Beißreflexe. Die betroffenheitsfeministische Dynamik

In queerfeministischen Communities, wie überall in der linken Szene, werden regelmäßig Menschen isoliert, bedrängt oder Opfer von Rufmord. Die zugrunde liegende Dynamik muss streng vom explizit begründ- und überprüfbaren Ausschluss einer Person unterschieden werden. Sie entfaltet sich plötzlich, scheinbar ungeplant, auf den ersten Blick irrational und spontan. Besonders häufig geschieht dies in der queeren Szenen. »Betroffenheitsfeministische« Gruppen sind besonders anfällig dafür. Ihre Handlungsweisen stehen im Widerspruch zu ihren eigenen politischen Prinzipien: dem Kampf gegen Ungerechtigkeit und Gewalt. Im Vortrag sollen die Bedingungen und Gründe diskutiert werden, warum betroffenheitsfeministische Gruppen dieses Ausschlussverhalten zeigen, statt als politische Subjekte den Streit zu suchen. Außerdem soll erörtert werden, was das mit einer Politik zu tun hat, die sich primär auf Identitätskategorien und Betroffenheit beruft.

 Caroline A. Sosat hat Psychologie und Soziologie studiert. Als Politnerd, Psychologin, Kampfsportlerin und Feministin versucht sie, eine Sprache für das zu finden, was nicht gesagt werden darf.

Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1

(zwischen Schranne und Kaulberg)

Beginn: 20:00

Eintritt: frei

Donnerstag, 19.10.2017: LUTZ EICHLER: Die politische Psychologie des Antisemitismus

Die Mehrheit der Deutschen ist der Meinung, Juden hätten an der Wall Street zu viel Einfluss. Warum wollen oder müssen sie so etwas glauben? Warum schreiben sie »Juden« eine derart prominente negative Rolle zu? Der Vortrag möchte den Zusammenhang von Gesellschaft, Psychologie und Antisemitismus erläutern und zeigen, auf welche Weise unangenehme Gefühle wie Angst, Hass, Einsamkeit und Selbstzweifel auf »Juden« übertragen werden.

Lutz Eichler macht zurzeit eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten.

Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1

(zwischen Schranne und Kaulberg)

Beginn: 20:00

Eintritt: frei

Donnerstag, 06.07.2017: EVI TRUMMER: Orange is the New Black. US-Gefängnisse in der Tradition der Sklaverei

Die netflix-Serie »Orange ist the New Black« avancierte in den letzten Jahren zur feministischen Klassikerin. Der fiktive Frauen*knast irgendwo in den USA zeigt so viele unterschiedliche und vielschichtige Frauen*charaktere wie keine Serie zuvor. Zu sehen sind Frauen* aller Körperformen, Altersklassen, Hautfarben, Lebens- und Liebeslagen in komplexen Charakterzeichnungen. Die Darstellung des Knastlebens hat aber auch eine sehr reale Komponente – dargestellt wird ein Justizvollzug, der nicht das Ziel der Rehabilitation hat, sondern dem Selbsterhalt des Systems dient. Die gedemütigten Insassinnen*, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird; das Grauen der Isolationshaft; die sozialen Hintergründe, die zur Haft führen – all das verdeutlicht, wie die Mechanismen der Sklaverei unter dem Deckmantel des Strafvollzugs weiterleben. Die in Europa sowie den USA kaum medial wahrgenommen Gefängnisstreiks im September 2016 waren Ausdruck dieser Verhältnisse. Durch Arbeitsniederlegung und Hungerstreiks protestierten Inhaftierte und Personal gegen die Missstände in US-Gefängnissen.

Evi Trummer stammt aus Franken und ist nach Aufenthalten in Großbritannien, Wien und Leipzig nun wieder zurückgekehrt. Sie ist Lehrerin, kann die feministische Brille nicht mehr ablegen und ist nur noch mit Panda Videos zu beruhigen.

Freitag, 30.06.2017: ROBERT ZIEGELMANN: »Das Herz in Ketten gelegt«. Der Protestantismus und die Dialektik der Verinnerlichung

»Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat«. So bringt Marx die bis heute gültige Kritik am Protestantismus auf den Punkt. Die strikte Verinnerlichung religiöser Gebote kann als spezifisch protestantischer Beitrag nicht nur zum modernen Autoritarismus, sondern auch zum Antisemitismus betrachtet werden. Anlässlich des allgegenwärtigen Reformationsjubiläums ist diese Kritik einerseits zu bekräftigen: Die protestantische Dynamik von Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis hat eine Affinität zum Nationalsozialismus, wo nicht primär im Affekt oder auf Befehl gemordet wurde, sondern planvoll und aus innerer Überzeugung. Ebenso aktuell ist aber, was Marx dem obigen Satz anfügt: »wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung war, so war er die wahre Stellung der Aufgabe«.

Robert Ziegelmann lebt in Frankfurt, lehrt in Heidelberg und promoviert in Philosophie. Schwerpunkt seines Interesses ist die Kritische Theorie in ihrem Verhältnis zur Religion und zur klassischen deutschen Philosophie.