Archiv der Kategorie: Allgemein

Donnerstag, 16.05.2019: VERONIKA BOHRN MENA: Die neue Arbeiter_innenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen






Scheinselbstständigkeit, Leiharbeit, Befristungen und unbezahlte Pseudo-Praktika: Atypische Beschäftigung hat sich in ganz Europa zum Problem entwickelt. Gute Bildung und Fleiß sind längst keine Garantien mehr für ausreichendes Einkommen. Das Damoklesschwert der drohenden Arbeitslosigkeit setzt Beschäftigte mehr und mehr unter Konkurrenzdruck. Der unbefristete Vollzeitarbeitsplatz ist begehrter denn je, während gleichzeitig immer weniger Beschäftigte davon profitieren. Das durch die Arbeiter_innenbewegung hart erkämpfte Normalarbeitsverhältnis droht zu verschwinden. Der Vortrag liefert einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von prekärer Beschäftigung in Europa seit den frühen 1980ern und zeigt auf, dass für Arbeitende kein Weg daran vorbeiführt, sich selbst als Kollektiv zu begreifen, weil solidarisches Handeln die einzige Möglichkeit darstellt, eigene Interessen durchzusetzen.
 
Veronika Bohrn Mena ist Gewerkschafterin mit Schwerpunkt atypische Beschäftigung und Autorin des Buches Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen.
Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1
(zwischen Schranne und Kaulberg)
Beginn: 20:00
Eintritt: frei

Donnerstag, 09.05.2019: CLARA AGUSTÍ SANAHUJA: Linksnationalismus in Katalonien Solidarität zwischen Bürger_Innen oder Arbeiter_Innen?

Schon vor dem Ersten Weltkrieg galt Nationalismus in der Linken als Gegenspieler der gesellschaftlichen Veränderung. Gut 150 Jahre später scheint das Thema noch kontroverser geworden zu sein. Nationalstaaten sind etabliert und jede_r identifiziert sich – fast automatisch – mit dem eigenen Land. In der Geschichte Spaniens wiederum lassen sich zwei Konfliktlinien feststellen, die Gesellschaft und Politik seit Jahrhunderten prägen: die Links-Rechts-Achse und die Frage nach »Zentralisierung« oder »Dezentralisierung«. Während die Franco-Diktatur regionale Identitäten leugnete und verbot, wurden in Katalonien kulturelle Forderungen zum Mittel des antifaschistischen Widerstands. In der Demokratie schlugen sich diese Konflikte dann im Parteiensystem nieder. In der katalanischen Linken findet sich daher ein breites Spektrum von Gruppen, Organisationen und Parteien, die für einen unabhängigen katalanischen Nationalstaat eintreten. Aber haben sich die ehemaligen Widersprüche aufgelöst? Und wie rechtfertigen diese Gruppen eine Ideologie, die per se ausgrenzend ist? Der Vortrag unternimmt eine Reise in die Argumente linksnationalistischer Bewegungen in Katalonien, um auf die grundlegende Frage einzugehen: Lässt sich Nationalismus mit der politischen Linken vereinbaren?
 
Clara Agustí Sanahuja ist in Barcelona aufgewachsen und studiert zurzeit Politikwissenschaft in Bamberg. Sie sieht sich als Beobachterin der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, empfindet aber eine gewisse Sympathie für diese Form des Protestes.
Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1
(zwischen Schranne und Kaulberg)
Beginn: 20:00
Eintritt: frei

Donnerstag, 02.05.2019: HANNAH O‘NEILL: Feministische Perspektiven auf den Brexit

Was hat der Brexit mit Feminismus zu tun? Die britische Diskussion um den EU-Austritt ist kaum zu überschauen. Die politischen und gesellschaftlichen Prozesse, die in ihr wirken, sollen im Vortrag aus einer kritischen Perspektive betrachtet werden. Die Geschehnisse seit dem Referendum und ihr gesellschaftlicher Zusammenhang lassen sich auch mithilfe feministischer Theorien erklären und ihre wiederkehrenden Muster können sichtbar gemacht werden. Die Positionen feministischer Bewegungen in Großbritannien und Nordirland werden dabei in den Kontext bestehender Kämpfe gestellt. Konkret wird der Frage nachgegangen, wie sich der EU-Austritt auf die Lebenssituation von Frauen* auswirken würde und mit welchen Begründungen für eine zweite Abstimmung mobilisiert wird.

Hannah O‘Neill studiert in Bamberg Politikwissenschaft im Bachelor, beschäftigt sich gern mit Feminismus und engagiert sich im Frauen*kampftagsbündnis Bamberg.
Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1
(zwischen Schranne und Kaulberg)
Beginn: 20:00
Eintritt: frei

Donnerstag, 24.01.2019: MIRIAM SCHAPTKE: Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur. Eine Alternative für die Frauen in der DDR

Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur wurde vor allem von gebildeten Frauen mittleren Alters gelesen. Sie erschien in geringer Auflage und galt in der Zeitschriftenlandschaft der DDR als Alternativmedium. Wie wurde sie durch die Partei kontrolliert und gelenkt? Und wie lässt sie sich politisch verstehen? Schwerpunkt des Vortrags werden die in der Sybille seit 1966 und bis 1989 erschienenen Frauenporträts in ihrer Beziehung zum »offiziellen« Frauenleitbild der Partei sein.

Miriam Schaptke hat in Bamberg Geschichte und Politik im Bachelor studiert. Ihr weiterer Werdegang ist derzeit noch ungewiss.

Donnerstag, 13.12.2018: ANNA SEIDEL: Popfeminismus und Kritik – Beyoncés Herstory, Marketplace Feminism und warum es kompliziert bleibt

PeterLicht sang 2008 »Es gibt keinen wahren Po im Falschen«, womit er das Dilemma des Pop-Fans auf den Punkt brachte. Mit dem Begehren am und im Pop, der ja Teil der kapitalistischen Verwertung ist, verhält es sich schwierig. Und selbst da, wo Pop und Feminismus zusammengehen, ergeben sich Ambivalenzen. Pop, der einmal für Dissidenz und Revolte stand, ist heute Teil einer patriarchalen Hegemonie geworden, deren Verwertungslogik er folgt. Der kritische Blick aus seinem Inneren heraus ist daher problematisch. Und doch sollte das emanzipatorische Potenzial der Popkultur auch weiterhin nicht unterschätzt werden: Wenn Beyoncé, die ihre Songs selbst schreibt und produziert, als woman of colour selbstbestimmt von Sex, Gleichberechtigung und Mutterschaft singt und in selbstproduzierten Handy-Videos mit dem Mythos der Pop-Marionette aufräumt, lässt sich sagen: Hier schwingt genau die Richtige ihren Po im Pop.

Anna Seidel ist Literaturwissenschaftlerin in Münster. Sie forscht und lehrt zu Popkultur und Feminismen, schreibt als freie Autorin u. a. für das Missy Magazine, die an.schläge und die Jungle World und ist Mitherausgeberin der testcard.

Donnerstag, 29.11.2018: ROBERT SOMMER: »Sex-Zwangsarbeit« – Bordelle in NS-Konzentrationslagern

1941 befahl Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und Oberbefehlshaber über die NS-Konzentrationslager, die Errichtung von Bordellen für KZ-Häftlinge. Die Konzentrationslager waren nicht nur Orte des Terrors und des Massenmordes, sondern ebenso Stätten der Zwangsarbeit. Die SS hatte ein gewaltiges Wirtschaftsimperium aufgebaut. Zwangsarbeit war das Rückgrat dieser Wirtschaft. Allerdings fiel die Produktivität angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen und der permanenten Gewalt gering aus. Himmler wollte daher Anreize für die Häftlinge schaffen und ließ Lagerbordelle errichten. Bis zum Ende des Krieges eröffnete die SS in insgesamt zehn KZs Bordelle: in Mauthausen, Gusen, Flossenbürg, Auschwitz-Stammlager, Buchenwald, Auschwitz-Monowitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora.

Dr. Robert Sommer hat 10 Jahre lang das Thema »Sex-Zwangsarbeit« umfangreich untersucht, in allen relevanten Archiven recherchiert sowie Interviews mit Überlebenden führen können. Er ist freier Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätten Ravensbrück und Sachsenhausen. Derzeit arbeitet er als Ausstellungsmacher und freier Autor.

Donnerstag, 22.11.2018: JENS OHLIG: Dateneigentum, Urheberrecht und Wissensallmende: Meine Daten gehören mir?

Politik braucht Metaphern. Dass Daten »das neue Öl« sein sollen, hat in der Digitalpolitik die »Datenautobahn« der 1990er abgelöst. Daten sind wertvoller Rohstoff, der in einen Verwertungszusammenhang gebracht werden muss. Selbstfahrende Autos, smarte Heizungen oder Plattformen für soziale Medien – alle sammeln Daten, die sich irgendwie verwerten lassen müssen und die doch auch irgendwem gehören sollen. Aber was ist mit den nicht-personenbezogenen Daten, die dem ständig wachsenden Strom an Messpunkten entstammen, mit dem die Welt gerade neu entdeckt und verstanden wird? Sie unterliegen nicht dem Datenschutz und stellen damit einen Präzedenzfall dar, an dem Urheberrecht, immaterielle Güter und der Anspruch auf freies Wissen für alle neu verhandelt werden können. Vielleicht lautet die Antwort auf die Frage, wem Daten gehören: Uns allen. Und vielleicht sind sie ja gar kein Öl, sondern »das neue Grundwasser«, das alle gemeinsam nutzen.

Jens Ohlig lebt im Internet und Berlin. Beruflich (bei Wikimedia Deutschland) und privat beschäftigt er sich mit Daten und Freiem Wissen. Er hofft darauf, dass am Ende doch noch alles gut wird.