fub presents: Do. 22.und Fr. 23. Mai: Frank Apunkt Schneider & Gerhard Stamer: „My future in the SS“ & „Marx und Hegel“

Donnerstag, 22.05.2014
FRANK APUNKT SCHNEIDER:
»My future in the SS«
NS-Provokation im deutschen (Post-)Punk

Als im New Yorker Frühpunk erstmals unkommentiert Hakenkreuze und NS-Zeichen auftauchten, war dies vor allem eine innerjüdische Angelegenheit: Jüdische Punks wie die Dictators benutzten sie, um sich mit der eigenen sekundären Traumatisierung als Nachgeborene der Überlebenden auseinanderzusetzen. Als Punk dann wenig später nach Deutschland kam, wurde das provokante Spiel mit dem NS dankbar aufgegriffen. Plötzlich redeten die Kinder und Enkel der Täter_innen in einer verstörend neuen Weise über die Shoa, die Daniel Jonah Goldhagens »Hitlers Willing Executioners« vorwegnahm: Songs wie »Party in der Gaskammer« (Middle Class Fantasies) oder »Die lustigen Stiefel (marschieren über Polen)« (Deutsch Amerikanische Freundschaft) und Gruppen wie Vadder Goebbels und die Nazi-Schlümpfe erzählten von der Shoa erstmals in der Wir-Perspektive und dekonstruierten damit die deutsche Vergangenheitsbewältigung. Dieses scheinaffirmative Spiel war wiederrum eine innerdeutsche Angelgenheit: eine Abrechnung mit den eigenen (Groß-)Eltern, deren Lebenslügen genüsslich demoliert wurden. Und doch standen die deutschen Punks damit noch immer in deren Tradition, weil ihre aggressive Wiederaneignung der deutschen Schuld die Auslöschung der europäischen Jüdinnen und Juden auf einer symbolischen Ebene wiederholte. Wie sich Textzeilen wie »Im KZ war’s doch so nett, nett, nett« (Attraktiv + Preiswert) wohl in den Ohren der Überlebenden anhören mochten, darauf scheinen sie jedenfalls keinen Gedanken verschwendet zu haben.

Frank Apunkt Schneider ist unfreier Künstler, Autor und selbsternannter Poptheoretiker, Mitherausgeber der testcard und Redakteur bei skug, außerdem der deutsche Außenposten der Kulturbewegung monochrom. 2007 hat er im Ventil Verlag das Buch »Als die Welt noch unterging. Von Punk zu NDW« veröffentlicht.
Zuletzt hat er in der freien uni über Karen Carpenter gesprochen.

Freitag, 23.05.2014
GERHARD STAMER
Marx und Hegel
Alles falsch gestellte Fragen: Ob Marx Hegel auf die Füße gestellt hat oder ob Hegel wirklich auf dem Kopf stand. Wenn schon – um beim Metaphorischen zu bleiben – hat Marx Hegel nicht auf die Füße gestellt, sondern flachgelegt. Weder ist der Mensch bei Marx so richtig auf die Beine der Lebenswelt gekommen, noch hat er den Kopf oben behalten, wie es für den aufrechten Gang erforderlich wäre. Wir wollen uns – zumindest in diesem Vortrag – weder auf die Seite von Marx noch auf die von Hegel schlagen, sondern über beide hinausgehen, um nicht hinter sie zurückzufallen.

Dr. Gerhard Stamer studierte in den 1960ern Philosophie, Psychologie und Soziologie, unter anderem bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas. Nachdem er in den 1970ern zunächst als Schiffbauer bei Blohm & Voß in Hamburg gearbeitet hatte, promovierte er 1984 bei Oskar Negt zum Thema Erkenntniskritik und Arbeiter_innenbewegung. 1994 gründete er das außeruniversitäre Institut für Praktische Philosophie »REFLEX« in Hannover, das er seither leitet. Seit 2011 gibt er am Lehrstuhl für Philosophie in Bamberg Seminare u. a. zu Kant, Hegel, Marx und Husserl.

Ort: Balthasar, Balthasargässchen 1 (zwischen Schranne und Kaulberg)
Beginn: 20:00
Eintritt: frei

fub presents: Do, 15.05.2014: KARINA KORECKY: Der poststrukturalistische Feminismus und die uneigentliche Erfahrung. Versuch einer feministischen Kritik an Judith Butler


Judith Butlers »Gender Trouble« (dt.: »Das Unbehagen der Geschlechter«) ist das am häufigsten rezipierte feministische Werk der Gegenwart. Der Vortrag wirft einen kritischen Blick auf Butlers poststrukturalistischen Feminismus. Obwohl Butler seit geraumer Zeit hauptsächlich als Antizionistin wahrgenommen wird (wozu sie selbst nicht wenig beiträgt), wird es weniger um ihre weltpolitischen und moralisch-ethischen Statements gehen, als um ihre theoretischen Grundannahmen sowie die gesellschaftlich-historischen Bedingungen ihrer Bedeutung für die feministische Kritik: Was macht den poststrukturalistischen Feminismus fast konkurrenzlos erfolgreich? Dabei werden nicht bloß Irrtümer, logische Fehlschlüsse und richtige oder falsche theoretische Bezüge identifiziert, sondern es wird auch nach dem »Erfahrungsgehalt dieses Denkens« (Peter Bürger) gefragt – oder anders: danach, welchem gesellschaftlichen Bedürfnis es entspricht. Es wird herausgearbeitet, dass die Attraktivität des poststrukturalistischen Denkens für den Feminismus in dessen Infragestellung von Wahrheit, Subjekt, Tradition, Geschichte und Einheit liegt. In diesem Impuls trifft sich der Poststrukturalismus mit einem zentralen Moment feministischer Gesellschaftskritik: der Kritik daran, dass die patriarchale Souveränität des strahlenden Subjekts voraussetzungsreich auf Kosten der Frauen konstituiert ist. Wie gezeigt werden soll, ist dem Poststrukturalismus aus feministischer Perspektive daher nicht sein Verzicht auf die Konstatierung von Wahrheit, sondern von gesellschaftlicher Unwahrheit vorzuwerfen.

Karina Korecky promoviert an der Universität Hamburg zum Verhältnis von Staat und Natur. Sie publiziert außerdem zu feministischer Kritik und veröffentlicht 2014 »Rousseau, die Liebe und der Staat« im Schweizer Verlag Die Brotsuppe.

Dieser Vortrag findet mit freundlicher Unterstützung des Lehrstuhls Sozialpädagogik statt.

Ort: Balthasar, Balthasargässchen 1 (zwischen Schranne und Kaulberg)
Beginn: 20:00
Eintritt: frei