Freitag, 30.06.2017: ROBERT ZIEGELMANN: »Das Herz in Ketten gelegt«. Der Protestantismus und die Dialektik der Verinnerlichung

»Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat«. So bringt Marx die bis heute gültige Kritik am Protestantismus auf den Punkt. Die strikte Verinnerlichung religiöser Gebote kann als spezifisch protestantischer Beitrag nicht nur zum modernen Autoritarismus, sondern auch zum Antisemitismus betrachtet werden. Anlässlich des allgegenwärtigen Reformationsjubiläums ist diese Kritik einerseits zu bekräftigen: Die protestantische Dynamik von Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis hat eine Affinität zum Nationalsozialismus, wo nicht primär im Affekt oder auf Befehl gemordet wurde, sondern planvoll und aus innerer Überzeugung. Ebenso aktuell ist aber, was Marx dem obigen Satz anfügt: »wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung war, so war er die wahre Stellung der Aufgabe«.

Robert Ziegelmann lebt in Frankfurt, lehrt in Heidelberg und promoviert in Philosophie. Schwerpunkt seines Interesses ist die Kritische Theorie in ihrem Verhältnis zur Religion und zur klassischen deutschen Philosophie.

Donnerstag, 22.06.2017: SIMON DUDEK / THOMAS MÜLLER: Ihr wollt Fußball so wie früher? Kritik der politischen Ökonomie des postmodernen Fußballs

Anfang 2017 riefen die Ultras von Borussia Dortmund anlässlich eines Heimspiels gegen den RB Leipzig zur »Bullenjagd« auf. Anhänger_innen der gegnerischen Mannschaft wurden mit Steinen und Pyrotechnik attackiert. In der BVB-Fankurve waren Spruchbänder wie »Für den Volkssport Fußball – gegen die die ihn zerstören« zu sehen. In all dem erkennen wir eine Verzweiflung angesichts der spätkapitalistischen Vergesellschaftung, die in ihrer Regression eines konkreten Stellvertreters bedarf. Im Vortrag soll ihr eine historisch-materialistische Analyse des Profi-Fußballs entgegenstellt werden. Insbesondere soll dabei auf die Zeitschrift 11Freunde eingegangen werden, die sich die Wahrung des »echten Fußballs« auf die Fahnen geschrieben hat.

Simon Dudek war lange Jahre Sturmtank des Fußballteams der Freien Uni Bamberg. Thomas Müller galt als vielversprechendster Jugendspieler mit dem Namen Thomas Müller, entdeckte dann aber Bier für sich und ließ daher Thomas Müller den Vortritt.

Donnerstag, 08.06.2017: RAFAEL SELIG: German Gedenken

»So Nazi war unser Zoo«, titelt der Berliner Boulevard im Dezember 2016, und nicht nur die Großstadtpresse musste feststellen, dass auch altehrwürdige Einrichtungen wie der Berliner Zoo eine nationalsozialistische Vergangenheit haben. 1938 zwangen die Nazis die 1.500 jüdischen Zoo-Aktionär_innen, ihre Anteile billig zu verkaufen. In der bundesdeutschen Hauptstadt wurde diese Enteignung bisher nicht öffentlich zur Kenntnis genommen. Aufgrund der Recherchen der Historikerin Monika Schmidt hat der Zoodirektor nun versprochen, sich der »dunklen Seite der Geschichte« zu stellen, und der Berliner Senat hat eine sechsstellige Summe für die Wiedergutmachung bewilligt, allerdings nicht zur finanziellen Entschädigung, sondern für eine Ausstellung sowie ein »Fellowshipprogramm zur Stärkung des wissenschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Israel«, weil »im Zentrum der Wiedergutmachung […] heute nicht individuelle Restitution, sondern öffentliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit« stünde. Diese Erklärung des Senats trifft den Kern des »German Gedenkens«. Als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister kennt Deutschland die Opfer des Nationalsozialismus nur als Ausstellungsstücke, die von den Täter_innen arrangiert werden, um als geläuterte Sünder_innen den moralischen Mehrwert abzuschöpfen.

Rafael Selig ist Student der Geschichtswissenschaften und in verschiedenen Initiativen aktiv, die sich mit der aktuellen deutschen Gedenkpolitik beschäftigen.