Donnerstag, 21.06.2018: CLARA FORCHT: Die doppelte Revolte. Künstlerische und politische Praxis des surrealistischen Antikolonialismus

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen europäische Künstler*innen, gegen das Korsett der herrschenden Darstellungsnormen aufzubegehren. Neue, unverbrauchte Ausdrucksformen fanden sie in der nichteuropäischen Kunst. Doch bis in die 1920er Jahre hinein war die künstlerische Auseinandersetzung mit dem »Anderen« von einem verklärenden Primitivismus bestimmt. Damit reproduzierte sie Diskurse, die den Kolonialismus rechtfertigten – denn nur wer als »primitiv« kategorisiert ist, kann im Namen einer »zivilisatorischen« Mission kolonialistisch ausgebeutet werden. Erst die Anfang der 1920er Jahre in Paris gegründete surrealistische Bewegung versuchte, diese Diskurse zu verändern. Ihre Revolte war eine doppelte: Mithilfe der Kunst suchte sie, die Unterdrückung des Unbewussten durch die Vernunft zu überwinden – und durch gezielte politische Aktionen sollte die gewalttätige Ausbeutung nichteuropäischer Menschen durch den Kolonialismus abgeschafft werden. Der Vortrag untersucht Anspruch und Wirklichkeit dieses Programms am Beispiel des bildenden Künstlers Max Ernst und stellt die Frage, ob sich über die Hintertür nicht doch wieder kolonialistische Diskurse eingeschlichen haben.

Clara Forcht ist Mitglied der freien uni bamberg und studiert derzeit Kunstgeschichte.

 

Donnerstag, 14.06.2018: ULRICH CHAUSSY: Das Oktoberfest-Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann

In der Endphase eines hitzigen Bundestagwahlkampfes detonierte am 26. September 1980 auf dem Oktoberfest am Eingang zur Theresienwiese eine Bombe. 13 Menschen starben, 211 Menschen wurden verletzt, mehr als 60 davon schwer. Schnell war klar, dass sich unter den Toten auch der Bombenleger befand: Gundolf Köhler, 21, ein aktiver Sympathisant der rechtsextremistischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Als der Generalbundesanwalt die Ermittlungen im November 1982 einstellte, war aus dem bis dahin schwersten Terroranschlag in der Geschichte der BRD die Einzeltat eines jungen Mannes geworden, der aus unpolitischen, rein privaten Motiven eine Art erweiterten Selbstmordes beging. Im Vortrag wird gezeigt, wie und warum die Ermittlungen systematisch und beabsichtigt zu diesem – wie wir heute wissen – unhaltbaren Ergebnis führten: Die Mechanismen der Verdrängung und das Nicht-Wahr-Haben-Wollen der rechtsterroristischen Gefahr, die uns seit 2011 in der Aufarbeitung des NSU begegnen, waren bereits 1980 wirksam.

Ulrich Chaussy ist Buch- und Filmautor und war jahrzehntelang als Rundfunkjournalist für ARD und BR tätig. Seine Veröffentlichungen zum Oktoberfestattentat, insbesondere der Film „Der blinde Fleck“ haben zur Wiederaufnahme der Ermittlungen im Dezember 2014 beigetragen. Zuletzt ist sein Buch Rudi Dutschke. Die Biographie im Droemer-Verlag erschienen.

Donnerstag, 07.06.2018: TILMAN MÜLLER: »Für Führer und Prophet«. Islam und Nationalsozialismus

Die gemeinsame Geschichte von Nazis und Muslimen stellt trotz zahlreicher Belege einen blinden Fleck für den Aufarbeitungsweltmeister Deutschland dar. Deutlich wird dies, wenn der im Nahen Osten grassierende Antisemitismus als Resultat des israelisch-palästinensischen Konfliktes dargestellt wird und Vertreter_innen judenhassender Regimes diplomatisch und wirtschaftlich hofiert werden. Im Fokus steht der geschichtliche Moment, der als Geburtsstunde des programmatischen muslimischen Antisemitismus unter deutscher Ammenhilfe gelten kann. Ziel ist kein ideologischer Vergleich, sondern eine historische Darstellung, die zu Erklärungszwecken gelegentlich auf ideologische Aspekte zurückgreift.

Tilman Müller lebt seit 2016 in Bamberg, ist schon viel zu lang Bachelorstudent und hat sein Hauptfach Politikwissenschaft hauptsächlich deshalb gewählt, weil er sich das Interesse an Philosophie und Soziologie nicht durch akademische Verwurstung kaputtmachen lassen wollte.