25.11.: LARS QUADFASEL: Gottes Spektakel Zur Kritik von Religion und Religionskritik

Kritik der Religion hat es im Spätkapitalismus mit einem Paradox zu tun: Die Kirchen, einst Herrn über Könige und Kaiser, sind zum Hilfsinstitut für Seelenhygiene herabgestürzt. Ihre Dome wurden zu Touristenattraktionen, ihre Prediger zu Showmastern, ihr Papst zum österlichen Grußaugust. Und doch scheint Gott sich als sentimentales Andenken an frommere Tage pudelwohl zu fühlen. Widerlegt, erledigt und entmachtet, hat sich die Religion mit ihrem Sturz nicht bloß arrangiert, sondern daraus neue Kraft geschöpft. Als bloße Privatangelegenheit darf sie sich ungehemmt in Fragen des Fickens, des Sterbens und der Kindererziehung austoben.
Spätestens seit dem weltweiten Erfolg der islamischen Glaubensoffensive gelten auch im Westen »religiöse Gefühle« wieder als schützenswertes Gut. Hauptsache, es wird geglaubt, und sei es an Djihad, Scharia und Frauenhass. Wer sein Herz nicht für eingeborene Kulte entdeckt, lässt sich buddhistisch erleuchten und jubelt einem abgesetzten tibetanischen Feudalherrn zu. Aus dem zwanghaften Drang, an irgendetwas zu glauben, spricht freilich nichts als der Wunsch nach einem Halt, egal woran: das Verlangen nach unbedingter Autorität. Adorno nannte derartige Pseudoreligiosität, die von Blasphemie kaum zu unterscheiden ist, den »ungeglaubten Glauben«.
Dessen Bedeutung verfehlen positivistische Religionskritiker wie Christopher Hitchens oder Richard Dawkins, die den Heiligen Schriften Fehler nachweisen und so Religion auf Priestertrug reduzieren. Sie kritisieren nicht die Unwahrheit der Religion, sondern deren Wahrheitsanspruch. Genau das also, was der Materialismus zu retten hätte – vor ungläubigen Pfaffen wie vor gläubigen Atheisten.
Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und schreibt u. a. für konkret, Jungle World und das Bremer Extrablatt. Seine Aufsätze zu »Buffy the Vampire Slayer« erscheinen demnächst im Sammelband »Horror als Alltag« im Verbrecher Verlag.

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