Donnerstag, 08.06.2017: RAFAEL SELIG: German Gedenken

»So Nazi war unser Zoo«, titelt der Berliner Boulevard im Dezember 2016, und nicht nur die Großstadtpresse musste feststellen, dass auch altehrwürdige Einrichtungen wie der Berliner Zoo eine nationalsozialistische Vergangenheit haben. 1938 zwangen die Nazis die 1.500 jüdischen Zoo-Aktionär_innen, ihre Anteile billig zu verkaufen. In der bundesdeutschen Hauptstadt wurde diese Enteignung bisher nicht öffentlich zur Kenntnis genommen. Aufgrund der Recherchen der Historikerin Monika Schmidt hat der Zoodirektor nun versprochen, sich der »dunklen Seite der Geschichte« zu stellen, und der Berliner Senat hat eine sechsstellige Summe für die Wiedergutmachung bewilligt, allerdings nicht zur finanziellen Entschädigung, sondern für eine Ausstellung sowie ein »Fellowshipprogramm zur Stärkung des wissenschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Israel«, weil »im Zentrum der Wiedergutmachung […] heute nicht individuelle Restitution, sondern öffentliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit« stünde. Diese Erklärung des Senats trifft den Kern des »German Gedenkens«. Als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister kennt Deutschland die Opfer des Nationalsozialismus nur als Ausstellungsstücke, die von den Täter_innen arrangiert werden, um als geläuterte Sünder_innen den moralischen Mehrwert abzuschöpfen.

Rafael Selig ist Student der Geschichtswissenschaften und in verschiedenen Initiativen aktiv, die sich mit der aktuellen deutschen Gedenkpolitik beschäftigen.

 

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